Pädophilie-Debatte: Irrwege des Liberalismus

Die Grünen stehen im Mittelpunkt der Pädophilie-Debatte. Doch ihre große Zeit hatte die Bewegung lange vor der Gründung der Ökopartei. In einem Gastbeitrag beschreiben die Göttinger Parteienforscher Franz Walter und Stephan Klecha den Zeitgeist Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre. Weiterlesen…

2 Gedanken zu „Pädophilie-Debatte: Irrwege des Liberalismus“

  1. Laut Prof. Walter waren damals an den „Irrwegen der Liberalisierung“ beteiligt:

    Deutsche Gesellschaft für Sexualforschung
    Sozialdemokraten
    Freidemokraten (FDP)
    Juraprofessoren
    liberale Rechtswissenschaftler
    Kinder- und Jugendpsychiater
    Der SPIEGEL
    Die ZEIT

    (apropos: die langjährige Chefredakteurin und Mitherausgeberin der ZEIT, Marion Gräfin Dönhoff, war eng befreundet mit Hartmut von Henting. Hartmut von Hentig war der Lebensgefährte von Gerold Becker, dem langjährigen Leiter der Odenwaldschule, dem vielfacher schwerer sexueller Missbrauch an seinen Schülern vorgeworfen wird.

    Hartmut von Hentig war auch lange Jahre Beiratsangehöriger der Humanistischen Union, die noch im Jahr 2000 die „Erklärung des Bundesvorstandes der Humanistischen Union zum Sexualstrafrecht“ abgab. Darin wandte sich der Bundesvorstand gegen eine seiner Ansicht nach seit Mitte der 1990er Jahre zu beobachtende Verpolizeilichung der Gesellschaft im Bereich der Sexualstraftaten sowie eine mediale und öffentliche „Erzeugung moralischer Panik“. Der gesellschaftliche und staatliche Umgang mit der Gruppe der Pädophilen wurde darin als „Lehrstück aus dem ebenso alten wie offenbar aufklärungsresistenten Kapitel der Erzeugung von gesellschaftlichen Sündenböcken und der moralischen Verschiebung und Entäußerung sozialer Probleme“ charakterisiert. Angesichts der „absolut und relativ außerordentlich raren Fälle sexueller Gewalthandlungen“ wurde auch gegen eine „kreuzzugartige Kampagne gegen Pädophile“ Position bezogen, berichtet Wikipedia.

    Im „ZEIT-Magazin“ kommentierte regelmäßig Helmut Kentler, „Star der Jugendpädagogik und Sexualwissenschaft“, der in seinen Büchern die Pädophilie mit denkbar großer Sympathie vorstellte, beschrieb und charakterisierte. Diese waren veritable Bestseller, die etliche hunderttausend Käufer und Leser fanden, so Walter)

    Der Rowohlt-Verlag (der Bücher des Lehrstuhlinhabers für Sozialpädagogik und Sexualwissenschaft an der Uni Hannover, Helmut Kentler, verlegte)

    andere Verlage (die sich u.a. um die einschlägigen Autoren wie Kentler, Lautmann usw. bemühten)

    Evangelische Akademien (laut Walter war dort u.a. Helmut Kentler „gefeierter“ Vortragsredner)

    Die Justiz (die Helmut Kentner gerne als „Sachverständigen“ in Missbrauchsfällen hinzu zog)

    Die „Deutsche Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie“

    Die FDP-Jugendorganisation „Deutsche Jungdemokraten“

    Ergänzend möchte ich hinzufügen:

    Im Jahr 1980 wollte die damalige SPD-Regierung (!) im Zuge der Sexualrechtsreform den Pädophilen-Paragraphen ganz streichen, berichtet Alice Schwarzer. Sexualität mit Kindern unter 14 wäre dann legal gewesen.

    Und um sich die bis heute fein im Hintergrund haltenden rechtskonservativen Kreise um CDU/CSU nicht zu vergessen:

    In der berüchtigten deutschen Siedlung Colonia Dignidad in Chile wurden Kinder sexuell missbraucht. In Deutschland sollen hohe Berater aus dem rechtskonservativen Umfeld im Bilde gewesen sein. Einige versuchten sogar, die kriminellen Vorgänge in Chile zu verschleiern. In den 70er Jahren gab es nach Angaben von amnesty international eine ganze Reihe von Politikern aus CDU und CSU, die das „deutsche Mustergut“ mit seinen beträchtlichen wirtschaftlichen Erfolgen verteidigten und zum Teil dort auch zu Gast waren. Die Lateinamerika Nachrichten berichten von einem „bundesdeutschen Freundeskreis für die Colonia Dignidad mit solider Verankerung in Bayern“, der sich nach den Veröffentlichungen von „Stern“ und amnesty international im Jahr 1977 gebildet habe. Auch der deutsche Botschafter in Santiago de Chile, Strätling, soll nach seiner Rückkehr zum Freundeskreis gezählt haben.

    Gegen höchste offizielle deutsche Stellen (u. a. Regierungsvertreter und BND) kursieren bis heute ernst zu nehmende Beschuldigungen, die Machenschaften der Colonia bewusst geduldet und gefördert sowie gezielt vertuscht zu haben. Seit Jahren weigern sich Auswärtiges Amt (AA) und Bundesnachrichtendienst (BND), Wissenschaftler/innen sowie Journalist/innen Zugang zu Hunderten von Aktenordnern, die in den Archiven, Geheimarchiven und in den Referaten der jeweiligen Behörde aufbewahrt werden, Zugang zu gewähren.

    Wir brauchen unbedingt eine Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexualisierter Gewalt an Kindern in Deutschland (und „deutschen Kolonien“)!! Es muss endlich aufgedeckt werden, wer da alles seine dreckigen Finger mit im Spiel hatte und die Opfer müssen endlich rehabilitiert und entschädigt werden!

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  2. Zitat: „In der Frage der Sexualdelinquenz argumentierten sie [laut Walter drei Juraprofessoren] 1968 erkennbar vorsichtig, Kinder vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Sie wiesen in ihrem Entwurf daraufhin, dass „mögliche Auswirkungen der Tat entscheidend von der Psyche des einzelnen Kindes und von der Reaktion der Umwelt abhängen; dass eine nicht unerhebliche Zahl (insbesondere weiblicher) Kinder zur Tatzeit bereits über sexuelle Erfahrungen verfügt und das dem Täter auch deutlich zeigt, ihn unter Umständen sogar verführt oder doch ermuntert und manchmal einen Schaden kaum noch erleiden kann. Die Verfasser des AE verkennen nicht, dass in der Mehrzahl der abgeurteilten Fälle eine echte oder anhaltende Schädigung wohl nicht eintritt. Und dass die überkommenen gegenteiligen Vorstellungen im erheblichen Maße der Korrektur bedürfen“. (Ziatende)

    Als Betroffene dieser Zeit halte ich das fast nicht aus, das zu lesen. Ich war acht Jahre alt, als die Übergriffe gegen mich begannen. Über welche „sexuellen Erfahrungen“ kann ich da wohl schon verfügt haben???? Und die Forschung weiß längst, dass acht Jahre (und jünger!) ein sehr typisches „Einstiegsalter“ bei dieser Art Sexualstraftaten ist. Wie hätte eine/r von uns damals betroffenen Kinder angesichts solcher (s.o.) Ansichten von Juraprofessoren (!) sich an irgendeine Stelle um Hilfe wenden können?? Um dort dann zusätzlich beschämt zu werden als diejenige, die „über sexuelle Erfahrungen verfügt und das dem Täter auch deutlich zeigt, ihn unter Umständen sogar verführt oder doch ermuntert“???!

    Besonders bitter ist für mich heute der Satz (Zitat) „dass in der Mehrzahl der abgeurteilten Fälle eine echte oder anhaltende Schädigung wohl nicht eintritt“ (Zitatende) zu lesen. Ich und mit mir viele tausende weitere Betroffene müssen heute mit nachweislich den Sexualstraftaten während unserer Kindheit geschuldeten und bis an unser Lebensende anhaltenden Schäden überleben. Bis heute erhalten wir aufgrund der noch immer mit diesem alten Gedankengut verseuchten einschlägigen Institutionen und Professionen (z.B. Gutachter, Richter, Versorgungsämter, Opferentschädigungsgesetz, Gesundheitswesen, Psychiatrie, etc. pp.) – nicht die benötigte Unterstützung, bzw. müssen bis heute unsere Schäden bezweifeln und bagatellisieren lassen.

    Viele von uns konnten keinen Beruf ergreifen oder mussten frühzeitig aus einem solchen ausscheiden. Viele von uns leben von Hartz IV oder kleinesten Erwerbsunfähigkeitsrenten. Viele von uns konnten keine vertrauensvollen Beziehungen leben, keine Familie gründen. Viele von uns müssen alleine überleben, weil die Herkunftsfamilie weiterhin die Taten ignoriert und zu den Tätern/Mittätern hält. Viele von uns wurden krank – seelisch wie körperlich. Viele von uns brachten sich um, weil sie es nicht mehr aushielten, keine Unterstützung und stattdessen immer wieder nur Verleugnung und Stigmatisierung zu erfahren. Viele von uns haben keine Energie mehr, um sich auf die langwierige und beschwerliche Suche nach einer geeigneten Traumatherapeutin zu machen. Je älter wir werden, umso weniger mentale Energie haben wir den Erinnerungsattacken, der gesellschaftlichen Ignoranz und Abwehr, den Verdrehungen entgegenzusetzen.

    Ja, sicher, kann sein, dass man das damals noch nicht wissen konnte (?), und tatsächlich glaubte, dass „in der Mehrzahl der Fälle eine echte oder anhaltende Schädigung wohl nicht eintritt“. Doch heute weiß man es besser. Und dennoch wird das Thema, werden wir noch immer so behandelt, als wüsste man es nicht besser. Und das muss sich die heutige Gesellschaft ebenso vorhalten lassen, wie diejenigen, die damals die Väter und Mütter dieser „Irrwege des Liberalismus“ waren.

    Wir brauchen unbedingt eine Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des Themas in der Bundesrepublik Deutschland!

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