Noch ein Brief zum Unwort des Jahres

Mit freundlicher Genehmigung des Bundesverbandes Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff).

Pressemitteilung: bff begrüßt Wahl zum Unwort des Jahres 2012: „Opfer-Abo“

15.01.2013

Die sprachwissenschaftliche Jury der Aktion ‚Unwort des Jahres‘ gab heute bekannt, dass das Wort ‚Opfer-Abo‘ zum Unwort des Jahres 2012 erklärt wurde. Jörg Kachelmann hatte diesen Begriff in einem Spiegel-Interview verwendet und davon gesprochen, dass Frauen in Vergewaltigungsprozessen ein „Opfer-Abo“ hätten. Der bff begrüßt ausdrücklich die Begründung der Jury, in der dem diffamierenden Ausdruck ‚Opfer-Abo‘ die statistische Wirklichkeit von Vergewaltigungs-Strafverfahren entgegengesetzt wird.
„Betroffene von Vergewaltigung erleben häufig ein Klima des Misstrauens. Der Ausdruck ‚Opfer-Abo‘ ist dafür ein besonders deutliches Beispiel“ sagt Katja Grieger vom Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (bff) in Berlin. Wissenschaftliche Studien belegen die Wirksamkeit von so genannten Vergewaltigungsmythen. Durch diese Mythen wird Betroffenen unausgesprochen eine Mitschuld gegeben, wenn sie vergewaltigt werden. Das verhindert in vielen Fällen, dass die Frau die Tat anzeigt.
„Die Wahl zum Unwort des Jahres ist ein wichtiges Signal der Solidarität an alle Frauen, die Gewalt erlebt haben“, so Katja Grieger. Das öffentliche Bewusstsein im Hinblick auf Vergewaltigungen ist auch heute noch mit vielen Vorurteilen und Fehleinschätzungen behaftet. Das führt nicht selten zu Tabuisierungen und Bagatellisierungen sowie zu Vorwürfen und Schuldzuweisungen an die betroffenen Frauen durch ihr soziales Umfeld und/ oder Behörden. Entsprechende gesellschaftliche Sichtweisen hindern Frauen vielfach daran, über eine Vergewaltigung zu sprechen und diese anzuzeigen. Auf der anderen Seite werden durch diese Mythen und Vorurteile Täter ermutigt.
Dies sind nach Ansicht von Expertinnen einige der Gründe, warum die Strafverfolgung von sexuellen Angriffen in Deutschland unbefriedigend ist: Nur 13% der strafrechtlichen Verfahren nach einer Anzeige wegen Vergewaltigung enden mit einer Verurteilung des Beschuldigten. Die größte Hürde liegt aber noch weiter davor: Nur ca. 5% der Frauen, die vergewaltigt werden, zeigen diese Tat überhaupt an.
„Wir brauchen ein anderes gesellschaftliches Klima im Umgang mit gewaltbetroffenen Frauen. Das Unwort des Jahres kann hoffentlich dazu beitragen, dass eine Sensibilisierung stattfindet,“ so Katja Grieger vom bff.
V.i.S.d.P.: Silvia Zenzen/ bff

Der bff ist der Dachverband der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe. Er leistet Aufklärung, Sensibilisierung, Fortbildung und Politikberatung zum Thema Gewalt gegen Frauen und vertritt mehr als 160 ambulante Fachberatungsstellen aus dem gesamten Bundesgebiet.
Kontakt: presse@bv-bff.de; Telefon: 030-32299500
Weitere Informationen zum Thema ‚Streitsache Sexualdelikte“: https://www.frauen-gegen-gewalt.de/fachliteratur-kopie.html
Link zur Begründung der Jury ‚Unwort des Jahres‘: http://www.unwortdesjahres.net/fileadmin/unwort/download/pressemitteilung_unwort2012.pdf

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