Brief einer Betroffenen und Expertin in Sachen sexueller Kindesmissbrauch an die Anlaufstelle des UBSKM

Vor wenigen Wochen nahm ich mit der Anlaufstelle des Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten Kontakt auf, um auf die UN-Kinderrechtskonvention (die Deutschland unterschrieben hat) hinzuweisen, und um nach den Ergebnissen des Nationalen Aktionsplans (NAP) „Für ein kindergerechtes Deutschland“ von 2005 – 2010 zu fragen. Schließlich verwunderte es mich in Anbetracht eines solchen – im Jahr des Aufkommens der Missbrauchsfälle in Deutschland eigentlich abgeschlossenen – NAPs doch sehr, dass seitens der Politik dann solch großes Erstaunen über das Ausmaß von sexuellem Kindesmissbrauch herrschte.
Auf meine Nachfrage nach den (konkreten) Ergebnissen aus dem Nationalen Aktionsplan „Für ein kindergerechtes Deutschland“ erhielt ich dann folgenden Antwort:

„Sehr geehrte Frau X, die Ergebnisse können Sie unter www.kindergerechtes-deutschland.de abrufen. Herzliche Grüße“.

Aha.
Also flugs aufgemacht, die „Ergebnisse abzurufen“. Unter anderem findet sich dort unter „Schwerpunkte“ der Schwerpunkt „Gewaltverzicht“. Dort heißt es:
(Zitat) „Aktiv gegen Gewalt

  • Der Nationale Aktionsplan „Für ein kindergerechtes Deutschland” thematisiert
  • Gewalt und Kindesvernachlässigung in der Erziehung
  • Partnergewalt – Kinder als deren Zeugen und Betroffene
  • Gewalt unter Kindern und Jugendlichen
  • Gewalt und Medien

und entwirft konkrete Handlungsmöglichkeiten. Das BMFSFJ nimmt diese Herausforderungen an, um Kinder und Jugendliche zu schützen und zu stärken und frühe Hilfen zu optimieren. Exemplarisch hierfür stehen das neue Jugendschutzgesetz, Projekte zur Stärkung der Medienkompetenz und der gezielte Ausbau sozialer Frühwarnsysteme.
Machen Sie sich stark für ein Aufwachsen ohne Gewalt!
Es sind viele Augen, die mehr sehen als zwei, deutliche Stimmen, die mehr bewirken als leise, haltende Hände, die mehr Einhalt gebieten als drohende. Gewaltpräventionstrainings schon im Kindergarten, ermutigende Elternkurse, enge Kooperationen zwischen Schulen, medizinischen Einrichtungen, Sozialämtern, Unternehmen und Vereinen oder die praktische Vermittlung von Medienkompetenz für Eltern und Kinder sind einige erfolgreiche – und auf Ihr Umfeld übertragbare – Ansätze.“ (Zitatende)
Aha.
Der Abschlussbericht des so genannten Runden Tisches stammt vom November 2011, also gut ein Jahr nach Abschluss des NAP „Für ein kindergerechtes Deutschland”. Darin heißt es u.a.:
„Dass Täter so zahlreich Übergriffe begehen konnten, zeigt ein kollektives, aber vor allem auch ein institutionelles Versagen.“ (S. 2)
„Hundertfach nahmen die Institutionen ihre Verantwortung für den Schutz der Betroffenen nicht oder zumindest nicht ausreichend wahr.“ (S. 2)
„Die Medienberichte und die Einschätzungen von Expertinnen und Experten machen deutlich, dass gleich in mehreren Bereichen Lücken klaffen (…)“. (S. 3)
Lücken „finden sich beispielsweise im Bereich der Prävention, also der Strategien, die Übergriffe verhindern und Heranwachsende vor Risiken bewahren sollen; im Bereich der Intervention, wie etwa im Umgang mit Verdachtsfällen; in der Verfügbarkeit von leicht zugänglichen Hilfen für betroffene Kinder und Erwachsene; und beim Wissen zu den Fragen, wie, warum und in welchen Situationen es zu sexuellem Missbrauch kommt, und in der Fähigkeit, Anzeichen für einen Missbrauch zu erkennen.“ (S. 3)
Und das alles, obwohl sich „Eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe zum „Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt und Ausbeutung“ seit ihrer Einrichtung im Rahmen des gleichnamigen Aktionsplans im Jahr 2003 kontinuierlich mit dem Thema [befasst].“!! (S. 2)
Zum wiederholten Male – hatten wir das nicht schon nach dem „NAP“ bzw. wird davon nicht seitenweise auf den Seiten des mir zugesandte Links selbstdargestellt? – „spricht sich der Runde Tisch für starke Kinderrechte aus“ und für die Schaffung von „Bedingungen für eine Kultur des Hinsehens und Eingreifens“ (S. 3) usw. usf..
Wie oft eigentlich noch?
Es reicht eben nicht, „Gewalt und Kindesvernachlässigung in der Erziehung“, „Partnergewalt – Kinder als deren Zeugen und Betroffene“, „Gewalt unter Kindern und Jugendlichen“, „Gewalt und Medien“ nur zu „thematisieren“ und „konkrete Handlungsmöglichkeiten“ zu „entwerfen“!!
Kinder müssen KONKRET geschützt werden – und zwar JETZT!! Erwachsenen Betroffenen muss KONKRET geholfen werden – und zwar JETZT!
Im selben Jahr, in dem diese salbungsvollen Worte (Abschlussbericht RT) Taten ANKÜNDIGTEN, wurden wieder 12.444 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern aktenkundig (Kriminalstatistik). Ihnen sollte bekannt sein, dass wir hier nur die Spitze eines Eisbergs sehen.
Laut der Häuser-Studie (2011) muss davon ausgegangen werden, dass in jeder Schulklasse 3 Kinder sitzen, die sexuellen Missbrauch erfahren. Wollen Sie denen auch allen mit einem Verweis auf einen Link antworten? Was tut die Bundesregierung JETZT GERADE KONKRET für diese JETZT GERADE KONKRET von Gewalt betroffenen Kindern??
Von den zahlreichen Betroffenen von weiteren Formen von Kindesmisshandlung und -vernachlässigung ganz zu schweigen. Jede Woche sterben in Deutschland im Schnitt drei Kinder durch Gewalt oder Vernachlässigung!!
Diese Zahlen machen Ihre Antwort an mich (Verweis auf einen Werbelink der Bundesregierung) zu einer einzigen Farce und ZEIGEN KONKRET, was der NAP „Für ein kindergerechtes Deutschland” KONKRET erreicht HAT! Nämlich NICHTS.
Stichwort „Gewalt und Medien“ „thematisieren“: Die Fälle, bei denen wegen Besitzes, Beschaffung und Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wurde, stiegen 2011 laut Bundeskriminalamt (BKA) deutlich um etwa sieben Prozent auf 6.332 an. Und auch hier sprechen wir wieder nur von den Fällen, die bekannt wurden!
BKA-Chef Ziercke bezeichnete die aktuelle Statistik zu Verbrechen an Kindern im Jahr 2011 insgesamt als „erschreckend“. Jeder Fall sei eine „Tragödie“. Es müsse mehr getan
werden, um Gewalt und Misshandlung frühzeitig zu erkennen und zur Anzeige zu bringen, sagte er gegenüber dem FOCUS. Er verwies auch auf die mutmaßlich hohe Dunkelziffer.
Kinderhilfe-Vorsitzender Georg Ehrmann forderte bei der Vorstellung der BKA-Zahlen im Mai 2012 eine grundlegende Reform des staatlichen Kinder- und Jugendhilfesystems. Dieses könne in seiner jetzigen Form nicht als funktionierend beschrieben werden, sagte er in Berlin. Es gebe keine bundesweit einheitlichen Qualitätsstandards, etwa was die Praxis von Hausbesuchen in Familien oder den Umgang mit als gewalttätig bekannten Eltern angehe.
„Eine grundlegende Reform des staatlichen Kinder- und Jugendhilfesystems“!!! wird im Mai 2012 gefordert. Nach der Ratifizierung der UN-Kinderrechtskonvention durch die Bundesrepublik Deutschland, nach einem NAP „Für ein kindergerechtes Deutschland”, nach Abschluss des so genannten „Runden Tisches sexueller Kindesmissbrauch“ und nachdem ein weiteres Jahr ins Land gezogen ist, in dem außer Worten auf Papier („Vereinbarungen mit dem Unabhängigen Beauftragten zur Umsetzung der Empfehlungen des Runden Tisches“) nichts geschehen ist.
Vielleicht merken Sie jetzt selbst, wie unangemessen Ihre Antwort ist. Und wie absolut mangelhaft die TATSÄCHLICHE Situation von JETZT GERADE betroffenen Kindern und IMMER NOCH (von den Folgen) betroffenen Erwachsenen ist.
Eine Betroffene und Expertin in Sachen sexueller Kindesmissbrauch

2 Gedanken zu „Brief einer Betroffenen und Expertin in Sachen sexueller Kindesmissbrauch an die Anlaufstelle des UBSKM“

  1. ergänzend zu meinem Kommentar den dort eingefügten link betreffend.
    Im Refrain: anstelle „alles außer dir“ müsste es in dem Fall lauten: „alles außer Hirn“

    Antworten
  2. Anstatt der Empfehlungen des RTs wäre ein konsequenter Maßnahmekatalog angebracht, der gesetzlich verankert werden muss.
    Anstatt der Leitlinien von Kirche wäre eine konsequente Einschreitung seitens der Justiz anhand bestehender Gesetze angebracht.
    (Die Kirche maßt sich an, hier eigene Gesetze, ergo ihr kanonisches Recht anzuwenden, wenn es um die Aufklärung der Verbrechen aus eigener Reihe geht, argumentiert aber andererseits, wenn es um die strafrechtlichen Sanktionen geht, mit staatlich verankerten gesetzlich festgelegten Verjährungsfristen. Und der RT ist so hörig, und willigt in diesen Kuhhandel ein.)
    Anstatt Vereinbarungen mit Institutionen und anderen Trägern, die mit Kindern zu tun haben, wäre ein flächendenkender Pflicht – Zusatz in allen Arbeitsverträgen, Vereinssatzungen …. angesagt, die an Zuschusszusagen bzw. deren Streichungen samt strenger Überwachung dieser Pflichten gekoppelt sind, angesagt.
    Anstatt Eltern stark machen wäre es dringend von Nöten, Eltern aufzuklären, Kindergelder- und Erziehungsgelder an regelmäßigen Kontrollen zu koppeln. Den wie wir alle wissen, in den Familien findet der meiste Missbrauch statt!!! Hier ist dringend ein gesundes Misstrauen angesagt!
    Präventiv wären eine Anzeigepflicht Dritter gewesen, um die Opfer schnellsmöglichst von ihren Tätern zu befreien und weitere Opfer zu vermeiden.
    Ach was schreib ich mir die Finger wund, was haben wir uns alle schon die Finger wund geschrieben, als noch der RT tagte, geniale Vorschläge unterbreitet, die nun als Weichmacher nicht mal im Ansatz ernst genommen wurden.
    Und der/ die Autor/In des Briefes schreibt mir aus der Seele. Es ist seit Jahren alles bekannt und nix wird getan, außer immer wieder ganz scheinheilig aufs Neue gestaunt und so getan, als hätte man davon nie gewusst.
    Dabei ist alles schon mal da gewesen, alles schon einmal und x – mal wissenschaflich belegt worden, x – mal Studien und Zahlen erhoben worden.

    Oh Wunder, unsere Entscheidungsträger scheinen unter einer kollektiven Alzheimer zu leiden.

    Da braucht man schon echt Galgenhumor, um das noch ernst nehmen zu können, was von ganz oben wieder „neu“ entdeckt, erkannt und erforscht worden sein soll.

    http://www.youtube.com/watch?v=p4QRtkyEbgk

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